Schweizerischer Verband für Konservierung und Restaurierung SKR
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Tagungsrückblick

SKR-Jahrestagung 2010: Konservierungs-und Restaurierungsethik im beruflichen Alltag. 19.-20. August

 

Die Jahrestagung zum Thema „Konservierungs- und Restaurierungsethik im beruflichen Alltag“ war in vier thematische Blöcke unterteilt. Sie spannte den Bogen von der Theorie über den Umgang mit alter Musik und alten oder neuen Musikinstrumenten, digitalen Medien und Film bis zu den den klassischen Feldern der Konservierung und Restaurierung. Die ca. 100 Teilnehmer nahmen rege und sachlich an den Diskussionen teil, sowohl nach den einzelnen Referaten wie auch  bei den Podiumsdiskussionen. Insgesamt konnte aufgezeigt werden, dass ethische Grundlagenpapiere als richtungsweisende Entscheidungshilfen von allen Referenten sehr begrüsst werden, dass deren wortwörtliche Umsetzung in vielen Fällen jedoch nicht zielführend ist. Zudem hat sich herausgestellt, dass unsere konservatorisch-restauratorischen Wertungen je nach betroffenem Objekt-Spezialgebiet sehr unterschiedlich ausfallen können.

Im Folgenden wird versucht, die wesentlichen Punkte zusammenzufassen. Diese Zusammenfassung diente an der Tagung vor der Schlussdiskussion als kurze Rekapitulation.

 

1. Theoretische Grundlagen:

 

Nathalie Bäschlin („Von der klassischen Restauriertheorie zur heutigen Debatte – Diskussion anhand eines Fallbeispiels“) erläuterte u.a., dass unsere Grundhaltung der „Ganzheitlichen Erhaltung“ erst in den 1960-er Jahren entstanden ist. Als Fallbeispiel zeigte sie ein Gemälde von Jawlenski, bei welchem der Firnis  mitsamt Jawlenskis Signatur entfernt und das Gemälde gespalten wurde, um die vom Künstler verworfene Arbeit auf der Rückseite ebenfalls als einzelnes Werk ausstellen zu können. Als Fazit zu diesem Fallbeispiel postulierte Nathalie Bäschlin, dass es „heute nicht mehr ethisch vertretbar sei, Wünsche des Kunden oder der Marktlage als Argument für Massnahmen anzuführen“.

 

Dem widersprach Markus Pescoller in seinem Referat „Restaurierung und Diskurs“ vehement: Er machte uns darauf aufmerksam, dass unser derzeitiges, auf Codes, Chartas und Normen bezogenes Argumentieren einer Gruppenwillkür entspreche. Wir sollten alle „Erzählungen“, die ein Objekt zu bieten habe, im Diskurs mit allen anderen Parteien offen und in gegenseitigem Respekt zur Kenntnis nehmen / wahrnehmen. müssten. Unsere konservatorisch-restauratorische Sichtweise sei nur eine von vielen und unsere oft wertenden Beschreibungen würden zu einer Voreingenommenheit und einem eingeengten Blickwinkel führen. Im respektvollen, unvoreingenommenen Diskurs gewinne „das beste Argument“. Eein gemeinsamer Konsens wird angestrebt. 

 

Andreas Weisser („Ethische Grundsätze in der „klassischen“ Restaurierung – Sind die dort entwickelten Standards in die audiovisuelle Welt übertragbar?“) zeigte anhand von Passagen aus der Charta von Venedig auf, dass viele im Buchbereich üblichen Ansätze auf audiovisuelle Medien umsetzbar sind, dass jedoch für digitale Medien gewisse Begriffe der Charta von Venedig angepasst werden müssten, v.a. bezüglich des Umgangs mit dem Original. Er wies uns darauf hin, dass es nicht die Frage sei, „was  können wir (technisch)“, sondern dass die Frage lauten müsse: „dürfen wir, was wir können“. Zudem stellte er fest, dass die „Grenze der Restaurierung dort liege, wo die Hypothese beginne“.

 

 

2. „Das Original in der Musik“

 

Genau diese Gedanken wurden von der Podiumsdiskussion der Musikhistoriker, Musikinstrumentenbauer und – restauratoren aufgegriffen. Martin Kirnbauer, Anselm Hartinger, Georg F. Senn und Martin Vogelsanger diskutierten, moderiert von Martina Müller den Umgang mit „alter Musik“ und „historischen Instrumenten“. Ihr Fazit war, dass es anzustreben sei, noch nicht restaurierte Instrumente als Referenzobjekte unangetastet zu belassen aber dass bereits restaurierte Instrumente mit heute gültigen Methoden weiter- oder zurück-restauriert werden können. Aufgrund der unangetastet erhaltenen Referenzobjekte helfen Kopien und Rekonstruktionen im Zusammenspiel mit Forschung und Studien, sich der Originalmusik anzunähern, sie wieder spiel- und hörbar zu machen.  Ein Ansatz, der vielleicht in die Konservierung von Objekten übertragbar wäre?

 

 

3. Konservierung von Originalen

 

Martin Strebel hielt einen ehrlichen Rückblick auf eigene Arbeiten („Restaurierung von zwei mittelalterlichen Handschriften“) und machte darauf aufmerksam, dass sich unser eigener Blickwinkel auf „korrekte Konservierungsmassnahmen“ fortwährend ändert. Zudem wies er darauf hin, dass der Input junger  Studienabgänger für etablierte Kollegen sehr wesentlich sei, weil nur so Lösungsansätze immer wieder neu hinterfragt würden. Im Buchbereich scheint es üblich, Ergänzungen am Objekt mit Bleistift zu datieren und Kurz-Konservierungsprotokolle mit Materialangaben auf dem hinteren Spiegel in der Buchdeckelinnenseite zu befestigen. Diese am Objekt verbleibenden Mikro-Restaurierberichte wurden von den Teilnehmern als Anregung auch für andere Spezialgebiete begrüsst.

 

Anabel von Schönburg hat für den Bereich moderne Kunst aufgezeigt, was geschieht, wenn der von Herrn Pescoller vorgeschlagene Diskurs tatsächlich geführt wird („Ergänzung aus dem Brockenhaus - Restaurierung eines Fallenbildes von Daniel Spoerri“). Zwar wurde – wie in der anschliessenden Diskussion festgestellt - in diesem Fall der Diskurs nur mit dem Künstler, nicht aber mit dem ebenfalls betroffenen Kunsthandel oder weiteren Kreisen geführt. Aber das Resultat dieses Diskurses war für konventionell eingestellte Konservatoren-Restauratoren sehr weitgehend und nicht unumstritten, indem Reste eines zerbrochenen Glases abgetrennt und durch ein im Brockenhaus gekauftes gleiches patiniertes Glas ersetzt, und eine Serviette mit einer neuen Schicht Papier abgedeckt wurde.

 

Martha Mundschin und Tino Zagermann haben anhand der im Hochwasser 2005 geschädigten Objekte die „Anwendbarkeit ethischer Grundsätze beim Hochwasser-Projekt am Historischen Museum Bern“ diskutiert. Diese ethischen Betrachtungen erfolgten rückblickend. Es liess sich, wie in der Diskussion vom ebenfalls an der Bergung Beteiligten Ulli Freyer eingebracht, festhalten, dass auch Massnahmen im Notfall durchaus als ethisch vertretbar bezeichnet werden müssen, da – obwohl vielleicht einzelne Massnahmen umstritten sein können – insgesamt möglichst viele Objekte mit möglichst wenig Schaden erhalten werden sollen. Zudem wurde rückblickend das Hochwasser auch als eine Art „Gunst der Stunde“ bezeichnet, da (bei Einhaltung von De-Accessioning-Protokollen) die Sammlung bereinigt werden konnte.

 

4. Konservierung und Restaurierung im Zeitalter der Reporduzierbarkeit

 

Reto Kromer („Le cinéma sur formats réduits: de l'original ananalogique au duplicata mumérique“) erläuterte, dass bereits im Film-Herstellungsprozess von einem Schritt zum Nächsten qualitative Einbussen entstehen. Zudem sind Filme in den Originalformaten im Handel nicht mehr erhältlich, ein direktes Umkopieren ist also oft nicht möglich. Da zur Erhaltung eines Films auch die originalen Abspielgeräte und Projektionsarten gehören, stellte sich die Frage, wie denn ein Film erhalten werden kann: die Originale müssen – auch nach einem allfälligen Umkopieren – immer erhalten bleiben. Ausserdem sollte vorallem ein grosser  Aufwand in der präventiven Konservierung geleistet werden. Umkopierte und/oder digitalisierte Filme können und sollen weit verbreitet werden. Eine geplante, regelmässige Migration der digitalen Daten ist vorzusehen, da sonst Verlust droht.

 

Genau dieses Thema schnitt auch Jérémie Leuthold an („La sauvegarde des données numériques“). Die Bundesverwaltung der Schweiz wird ab 2012 nur noch digitale Archive führen und keine Ausdrucke mehr archivieren. Bisher wurden mit gross angelegten Datenmigrationen erst vereinzelt Erfahrungen gemacht. Mögliche Probleme des jungen Gebietes müssen noch analysiert und bewältigt werden.

 

Christian Gosvig Olesen („que l'embarras du choix? Quelques aspects éthiques de la modernisation de l'accompagnement musical“) schlug den Bogen vom Film zurück zur Musik und machte auf den sehr unterschiedlichen Umgang mit der Filmmusik bei der Restaurierung und Digitalisierung von Filmen aufmerksam. Obwohl z.T. originale Musikpartituren vorliegen, werden Filme manchmal mit neuer oder sogar sehr neuer, experimenteller Musik unterlegt. Dabei kann sich das Gleichgewicht vom Film weg zur Musik verschieben.

 

Insgesamt  befürworteten alle Referenten die Notwendigkeit von Entscheidungshilfen, wie Ethik-Codes, Richtlinien oder Chartas. Öffnen wir unseren inzwischen sehr spezialisiert eng gewordenen Blick wieder etwas und suchen den Diskurs, können für Objekte und Objektgruppen innerhalb der ethischen Grund-Leitlinien individuelle Erhaltungs-Lösungen gefunden werden. Nur so können fundierte Entscheidungen für oder gegen bestimmte Konservierungs- und/oder Restaurierungsmassnahmen getroffen werden.

Der Antagonismus Privat versus Museum, der in den Diskussionen manchmal anklang, scheint in Wirklichkeit nicht vorhanden zu sein. Eher ist zu unterscheiden zwischen Konservierungsprojekten an wichtigen, einzigartigen Kulturobjekten im Gegensatz zu kleineren Projekten an häufiger vorkommenden Objekten. Auch für diese „weniger wichtigen Objekte“ kann der oben erwähnte Diskurs geführt werden, z.B. mit Hilfe der Matrix von Barbara Appelbaum („Conservation treatment methodology“, 2007), welche hilft, bei Beschreibungen wertfreie Begriffe zu wählen, um unsere Wahrnehmung nicht einzuschränken. Somit wird  ermöglicht, den Diskurs in einer Art „Selbstgespräch“ zu führen.

 

Die anschliessende Schluss-Diskussion nahm alle diese Anregungen auf. Anhand eines modernen Gemäldes mit aufgeklebter Brioche wurde der Umgang mit Ersetzen von (vergänglichen) Objekt-Teilen diskutiert. In diesem Fall wurde die Brioche wegen ihrer Aufladung -  ein Freund des Künstlers hatte sie aus der schweizerischen Bäckerei seines Vaters in die USA  gebracht -  als wesentlicher Bestandteil des Kunstwerks definiert. Ein Ersetzen wurde in diesem Fall als unethisch bezeichnet, obwohl in anderen Fachgebieten eine ganz andere Haltung eingenommen würde. So wurde in der Diskussion z.B. befürwortet, dass bei einer Zahnradbahn, selbst wenn es sich um einen Prototypen und somit um das einzige genau so hergestellte Objekt handelt, ein defektes Zahnrades zugunsten des funtionellen Aspekts und wegen der Nicht-Sichtbarkeit des Austausches vorgenommen werde, auch wenn dies das einzige in einer speziellen Legierung existiernede wäre.

Dies führte den Anwesenden klar vor Augen, wie unterschiedlich dieselben Personen vergleichbare Situationen bei identischen ethischen Leitlinien werten je nach Fachgebiet. Insofern hat die Schlussdiskussion nochmals dazu beigetragen, unsere eigenen Entscheide unvoreingenommen zu überprüfen.